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09 JAHRESBERICHT ANNUAL REPORT forschungsausblick research outlook Forschungsausblick Jens Beckert über die Finanzkrise als Vertrauenskrise Günther Hasinger über Fortschritte in der Fusionsforschung Detlef
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09 JAHRESBERICHT ANNUAL REPORT forschungsausblick research outlook Forschungsausblick Jens Beckert über die Finanzkrise als Vertrauenskrise Günther Hasinger über Fortschritte in der Fusionsforschung Detlef Weigel über die Anpassung von Pflanzen an Umweltveränderungen Research Outlook Jens Beckert about the Financial Crisis as a Crisis of Trust Günther Hasinger about Progress in Nuclear Fusion Research Detlef Weigel about the Adaptation of Plants to Changes in the Environment 09 JAHRESBERICHT ANNUAL REPORT Prof. Dr. Jens Beckert Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln Die Finanzkrise ist auch eine Vertrauenskrise forschungsausblick research outlook Am 17. September 2007 bildeten sich vor den Filialen des britischen Bankhauses Northern Rock lange Schlangen. Anleger, die ihre Sparguthaben bei der Bank deponiert hatten, wollten ihr Geld abheben. Was sie zum Schlange stehen brachte, waren jedoch nicht geplante Geschäfte, die mit Bargeld beglichen werden sollten. Vielmehr fürchteten sie den Zusammenbruch der überschuldeten Bank und den Verlust ihres dort deponierten Geldes. Schlangen vor Banken hätte es beinahe auch ein Jahr später in Deutschland gegeben. Nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 fürchteten auch deutsche Anleger um die Sicherheit ihrer Guthaben. Die Bundesbank registrierte bereits eine deutliche Zunahme der Bargeldabhebung an Geldautomaten. Dass diese Entwicklung gestoppt wurde, bevor sich Schlangen vor den Bankschaltern bildeten, hatte eine klar benennbare Ursache: eine Erklärung der Bundeskanzlerin und des Finanzministers am 5. Oktober 2008, dass der Staat für sämtliche Spareinlagen der Bürger bei den Banken einstehen würde. Diese Garantie beruhigte die Bürger so weit, dass sie ihr Geld bei ihrer Bank beließen, anstatt es zu Hause oder in einem Safe zu deponieren. Ob der Staat die Garantie mit einem Volumen von 568 Mrd. Euro tatsächlich hätte einlösen können, ist mehr als fraglich. Die Summe liegt doppelt so hoch wie der Bundeshaushalt. Die Einlage von GeLd bei der Bank setzt das Vertrauen voraus, dass die Bank dieses Geld jederzeit wird zurückzahlen können. Der im Herbst 2008 gerade noch verhinderte Bank Run wirft ein Licht auf einen unverzichtbaren, zumeist jedoch unbeachtet bleibenden Koordinationsmechanismus wirtschaftlichen Handelns: Vertrauen. Die Einlage von Geld bei der Bank was nichts anderes ist als ein Kredit an die Bank setzt das Vertrauen voraus, dass die Bank dieses Geld jederzeit wird zurückzahlen können. Kommen Zweifel an der Zahlungsfähigkeit oder der Zahlungswilligkeit der Bank auf, wie im Herbst 2008, wird dieses Vertrauen zerstört. Die Kunden verlangen ihr Geld zurück. Bei einem Bank Run ist dies noch mit dem Problem sich selbst verstärkender Effekte verbunden. Der Verlust des Vertrauens produziert möglicherweise erst die Liquiditätsprobleme, vor denen die Schlange stehenden Kunden ihre Einlagen in Sicherheit bringen wollen. Denn keine Bank kann die Einlagen sämtlicher Kunden gleichzeitig zurückzahlen. Deshalb genügen bei Banken bereits Gerüchte um Zahlungsschwierigkeiten für die Auslösung eines Vertrauensverlustes, der dann zum Zusammenbruch der Bank führt. Vertrauen ist auf den Finanzmärkten jedoch nicht nur ein zentraler Handlungsmechanismus, wenn es um die Sicherheit von Spareinlagen geht. In der Finanzkrise konnte man beobachten, was passiert, wenn Banken sich untereinander nicht mehr vertrauen. Im sogenannten Interbankenhandel leihen sich Geschäftsbanken regelmäßig Milliardenbeträge für zumeist sehr kurze Zeiträume, mit denen Liquidität gesichert wird. Die Finanzkrise brachte diesen Interbankenhandel vollständig zum Erliegen. Nach der Erfahrung der Insolvenz von Lehman Brothers konnte sich keine Bank mehr sicher sein, ob die Bank, an die über Nacht mehrere hundert Millionen Euro verliehen würden, diese am nächsten Tag noch zurückzahlen können würde. Was die Banken an Liquidität hatten, gaben sie nicht mehr ab. Das Vertrauen war zerstört. Hätte man die Banken allein dem Markt überlassen, wäre das Finanzsystem 14 FORSCHUNGSAUSBLICK RESEARCH OUTLOOK zusammengebrochen. Dieses Marktversagen wurde ebenfalls durch staatliches Eingreifen verhindert. So wie der Staat den privaten Anlegern ihre Einlagen garantierte, so trat er den Geschäftsbanken jetzt als Kreditgeber gegenüber. Hunderte Milliarden Euro wurden den Geschäftsbanken von den Zentralbanken zur Verfügung gestellt. Das dem Markt entzogene Vertrauen wurde wiederhergestellt, indem der Staat seine Vertrauenswürdigkeit in die Waagschale warf. Dem Staat wurde das Vertrauen entgegengebracht, das die Banken verspielt hatten. In der Wirtschaftssoziologie ist die Untersuchung von Vertrauen während der letzten Jahre zu einem wichtigen Forschungsgegenstand geworden. Dabei geht es sowohl um die Bedeutung von Vertrauen für die Effizienz der Wirtschaft als auch um das Verständnis der Grundlagen von Vertrauen. Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise liefert für diese Forschung vielfältiges Anschauungsmaterial. Denn Vertrauen gehört zu jenen Phänomenen des sozialen Lebens, die weitgehend unbemerkt bleiben, solange sie vorhanden sind. Wenn Vertrauen thematisiert wird, dann ist es oft schon zerstört. Vertrauen lässt sich als eine bestimmte Erwartungshaltung definieren. Nämlich als die Erwartung einer Person des Vertrauensgebers, dass der Handlungspartner, der Vertrauensnehmer, eine Vorleistung nicht zu seinem Vorteil ausnutzen wird. Vertrauen setzt insofern immer die Handlungsfreiheit des anderen voraus. Wo Zwang im Spiel ist, gibt es kein Vertrauen. Aufgrund der prinzipiellen Handlungsfreiheit des Vertrauensnehmers ist Vertrauen immer mit Unsicherheit verbunden. Kann ich mich auf den anderen verlassen, oder nicht? Kann die Bank meine Spareinlage tatsächlich zurückzahlen, oder behauptet sie dies nur, um an mein Geld zu kommen? Der Soziologe Georg Simmel hat Vertrauen treffend als einen mittleren Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen bezeichnet. Zwar erwartet der Vertrauensgeber, dass sein Vertrauen in den Vertrauensnehmer nicht enttäuscht wird, doch völlig sicher sein kann er sich nicht. Vertrauen entzieht sich somit der Logik der Kalkulation, auf der ökonomische Theorien rationaler Wahl aufbauen. Das Risiko der Handlung lässt sich nicht kalkulieren. Es lassen sich nur Einschätzungen des Risikos abgeben, die auf der Interpretation der zur Verfügung stehenden Informationen beruhen. Wer sich dann zu der Handlung entschließt, blendet dieses Risiko faktisch aus. Erwartet wird, dass der andere sich als vertrauenswürdig erweist, obwohl auch das genaue Gegenteil der Fall sein kann. In gewisser Weise fingiert Vertrauen einen Zustand und reduziert damit die Komplexität der Handlungssituation. Vertrauen ist ein Beruhigungsmittel angesichts von Unsicherheit, das gemeinsames Handeln ermöglicht. Das dem Markt entzogene Vertrauen wurde wiederhergestellt, indem der Staat seine Vertrauenswürdigkeit in die Waagschale warf. Dem Staat wurde das Vertrauen entgegengebracht, das die Banken verspielt hatten. Dies wird sofort offensichtlich, stellt man sich einen Akteur vor, der nicht vertraut. Dieser würde niemals sein Geld zu einer Bank bringen und würde wohl auch immer nur mit passendem Kleingeld bezahlen, aus Angst sein Wechselgeld nicht zu bekommen. Streng genommen würde eine solche Person erst gar kein Geld annehmen. Denn Geld ist nichts anderes als ein Stück wertloses Papier, das mit dem Versprechen versehen ist, es gegen nützliche Waren eintauschen zu können. Doch wer weiß? In God we trust heißt es treffend auf amerikanischen Banknoten. Menschen, die keinerlei Vertrauen haben, sind pathologische Fälle. Es gibt sie, wenngleich nicht sehr häufig. Doch das Gedankenexperiment einer Welt ohne Vertrauen hilft zu verstehen, wie zentral Vertrauen für die Ermöglichung der Kooperation zwischen Akteuren und damit auch für eine arbeitsteilige Wirtschaft ist. Vertrauen eröffnet Kooperationsräume. Hierin liegt die zentrale Bedeutung dieses Handlungsmechanismus für die Wirtschaft, aber auch für sämtliche anderen Bereiche sozialen Handelns. Dabei verlangt uns die moderne Gesellschaft, entgegen der häufig anzutreffenden Einschätzung eines allgemeinen Vertrauensverlustes, immer mehr Vertrauen ab. Eine zentrale Leistung moderner Gesellschaften besteht darin, Vertrauen in viel höherem Maß generieren zu können als traditionale Gesellschaften. Vertrauen in traditionalen Gesellschaften konzentriert sich auf den sozialen Nahbereich die Familie, die Nachbarschaft und einige eng umgrenzte Institutionen. In modernen Gesellschaften multiplizieren sich die Begegnungen mit völlig fremden Personen und einer Vielzahl sozialer Institutionen und Expertensystemen, denen vertraut wird. Erst daraus entstehen die Handlungsräume der Kooperation, die Kreativität, Innovation und eine umfassende Erschließung der Welt im Handeln ermöglichen und die zugleich Risiken mitentstehen lassen, die traditionalen Gesellschaften völlig 15 09 JAHRESBERICHT ANNUAL REPORT unbekannt sind. Wie aber gelingt diese Ausweitung von Vertrauen in modernen Gesellschaften und ihren Ökonomien? Vertraut wird nicht blind, sondern aufbauend auf sozialen Grundlagen, die es Akteuren ermöglichen, eine Situation hinreichend einschätzen zu können, um begründete Zuversicht hinsichtlich der Handlungsabsichten des Vertrauensnehmers zu erlangen. Vertrauen ist, um noch einmal auf Georg Simmel zu verweisen, ein Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen und nicht einfach ein unbegründetes Hoffen. Eine soziale Grundlage von Vertrauen sind Institutionen. Ein Beispiel hierfür ist die Einlagensicherung der Banken, mit der Sparern zugesichert wird, im Falle des Zusammenbruchs der eigenen Bank aus einem von allen Banken gemeinsam gespeisten Fonds die Einlagen doch zurückzuerhalten. Das Risiko wird gepoolt und Vertrauen verlagert sich auf die Einschätzung der Zuverlässigkeit des Einlagensicherungsfonds. Die Anleger bei isländischen Banken wissen seit zwei Jahren, dass auf solche Garantien nicht unbedingt Verlass ist. Und die Garantie der Bundeskanzlerin im Herbst 2008 antizipierte, dass die Anleger den Einlagensicherungsfonds in Deutschland angesichts des Ausmaßes der Krise nicht vertrauen würden. Diese können bei Insolvenz einer einzelnen Bank den Schaden kompensieren, nicht jedoch bei Zusammenbruch des gesamten Bankensystems. Vertrauen eröffnet Kooperationsräume. Hierin liegt die zentrale Bedeutung dieses Handlungsmechanismus für die Wirtschaft, aber auch für sämtliche anderen Bereiche sozialen Handelns. Ein anderes Beispiel für die institutionelle Absicherung von Vertrauen in Wirtschaftsbeziehungen sind Herstellergarantien. Die meisten Käufer eines Gebrauchtwagens sind keine Autoexperten und können daher den Zustand des ihnen angebotenen Autos nicht wirklich beurteilen. Der Verkäufer ist zwar ein Experte, doch der hat kein Interesse, die Mängel des Autos preiszugeben. Schließlich will er den Wagen zu einem möglichst hohen Preis verkaufen. Natürlich weiß dies der Käufer. Naheliegend wäre also, dass sich alle Nichtexperten als Käufer von diesem Markt zurückziehen, weil sie den Angaben der Verkäufer nicht vertrauen. Der Markt würde aufgrund fehlenden Vertrauens der Käufer also gar nicht erst in Gang kommen. Eine Lösung für dieses Problem sind Gebrauchtwagengarantien, in denen der Verkäufer sich verpflichtet, für eine bestimmte Zeit nach dem Kauf noch für die Kosten der Beseitigung etwaiger Mängel aufzukommen. Der Käufer kann nun beruhigt kaufen, weil der Verkäufer kein Interesse mehr hat, den Käufer über den tatsächlichen Zustand des Wagens zu täuschen bzw., wenn er es doch tut, der Verkäufer die Kosten der Mängelbeseitigung tragen muss. Auch in diesem Beispiel wird Vertrauen verschoben: Der Käufer muss immer noch der Garantie selbst Vertrauen entgegenbringen. Nur wenn ein effektives Rechtssystem besteht, von dem der Käufer erwartet, seine etwaigen Ansprüche befriedigt zu bekommen, funktioniert die institutionelle Absicherung von Vertrauen im Markt. Vertrauen in wirtschaftlichen Beziehungen wird aber nicht nur institutionell abgesichert. Eine weitere Grundlage ist die Reputation des Vertrauensnehmers. Potenzielle Kooperationspartner ziehen aus dem vergangenen Handeln des Vertrauensnehmers Rückschlüsse auf seine Vertrauenswürdigkeit in der Zukunft. Dafür muss das Handeln des Vertrauensnehmers von weiteren potenziellen Kooperationspartnern beobachtet werden können. Voraussetzung für diese Form der Absicherung von Vertrauen ist also ein hohes Maß an Markttransparenz. Ein besonders einschlägiges Beispiel für Vertrauensgenerierung durch Reputation ist das Online-Auktionshaus ebay. Hier werden die Verkäufer regelmäßig von den Käufern bewertet. Diese Bewertungen und die Anzahl der von dem Anbieter bereits getätigten Geschäfte sind für jeden Bieter sichtbar. Wer sich in der Vergangenheit als zuverlässig erwiesen hat, dem wird Vertrauen entgegengebracht. Wer auch zukünftig Geschäfte machen möchte, wird sich ehrlich verhalten, um negative Bewertungen zu vermeiden. Da das Vertrauensproblem bei anonymen Geschäften im Internet eine solch überragende Bedeutung hat, lässt sich sagen, dass die Glaubwürdigkeit des Bewertungssystems das zentrale Geschäftskapital von ebay ist. Nicht zufällig investiert ebay viel Geld in dieses System und seine Verbesserung. Eine weitere Grundlage von Vertrauen sind soziale Netzwerke. Das können Familiennetzwerke ebenso sein wie Netzwerke innerhalb von Professionen oder ethnischen Gemeinschaften. Der zentrale Mechanismus zur Absicherung von Vertrauen in Netzwerken sind Sanktionen, durch die Mitglieder in dem Netzwerk im Fall des Vertrauensmissbrauchs von den Vorteilen der Mitgliedschaft ausgeschlossen werden. Ethnische Minderheiten werden in vielen Ländern bei der Kreditvergabe diskriminiert oder werden aufgrund fehlender Sicherheiten von der Kreditvergabe durch Banken ausgeschlossen. Eine Reaktion hierauf ist die Entstehung informeller Systeme der 16 FORSCHUNGSAUSBLICK RESEARCH OUTLOOK Kreditvergabe innerhalb der ethnischen Gruppen. Kredite werden hier ohne Sicherheiten vergeben. Kreditnehmer und Kreditgeber sind jedoch in dem gleichen sozialen Netzwerk, was sowohl die Beobachtung des Kreditnehmers als auch dessen Sanktionierung im Fall des Zahlungsausfalls ermöglicht. Der Ausschluss aus dem Netzwerk bedeutet, die einzige Quelle von Kredit zu verlieren ein hoher Preis. Schließlich wird Vertrauen auch performativ hergestellt. Dieser Mechanismus ist von den anderen nicht getrennt, sondern geht mit ihnen einher. Mit performativer Herstellung von Vertrauen ist das Eindrucksmanagement des Vertrauensnehmers gemeint, durch das dieser Vertrauenswürdigkeit signalisiert und Vertrauensbereitschaft des Vertrauensgebers erzeugt. Das professionelle Auftreten des Personals einer Fluggesellschaft, einschließlich des zuversichtlichen Lächelns der Flugbegleiter, sind performative Akte der Selbstdarstellung, mit denen Vertrauenswürdigkeit signalisiert wird. Man stelle sich eine Bank vor, die in einem alten Schuppen untergebracht ist und deren Mitarbeiter in Freizeitkleidung hinter dem Schalter sitzen. Wer würde einer solchen Bank sein Geld anvertrauen? Über die Solvenz der Bank sagt die Kleidung der Mitarbeiter aber gar nichts aus. Wir interpretieren dieses Signal aber genau so, vor dem Hintergrund von Annahmen, wie eine seriöse Bank aufzutreten hat. Solche performativen Akte der Selbstdarstellung sind ein zentrales Moment der Vertrauensgenerierung. Eben weil sich die Vertrauenswürdigkeit des Vertrauensnehmers nicht sicher vorhersagen lässt, erhalten Signale eine solch zentrale Bedeutung. Damit wird zugleich ein Übergang markiert. Weil Vertrauen die Kontingenz der Handlung des Vertrauensnehmers nur ausgrenzt, die Unsicherheit aber nicht tatsächlich beseitigt, entstehen Möglichkeiten des Vertrauensmissbrauchs. Die Paradoxie des Vertrauens besteht darin, dass dieses nicht nur Kooperationsräume schafft, sondern zugleich Möglichkeiten der Ausbeutung entstehen lässt. Auch hierfür bietet die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise vielfältiges Anschauungsmaterial. Der Finanzinvestor Bernard Madoff brachte seine zumeist gut betuchte Klientel mit einem simplen Pyramidenspiel um den sagenhaften Betrag von 60 Milliarden Dollar. Interessant ist dabei die Untersuchung der Mechanismen, durch die ihm dies gelang. Das Geld akquirierte Madoff über soziale Netzwerke sehr reicher Vermögensbesitzer, mit denen er verkehrte. Diese vertrauten Madoff offenbar blind, da sie sich nicht vorstellen konnten, dass einer von ihnen sie betrügen würde. Klar erkennbar ist auch das ausgefeilte Eindrucksmanagement von Madoff. Dies bestand nicht nur in seinem Auftreten gegenüber den potenziellen Investoren, sondern auch in einer Buchhaltung, die immer wieder hohe Gewinne auswies. Dass es sich dabei um pure Fiktion handelte, konnte er lange verbergen. Die Bedeutung dieser Phänomene geht weit über den Fall Madoff hinaus. Der Fall zeigt das Gewicht von Täuschung als dem Spiegelbild von Vertrauenswürdigkeit. Täuschung ist erst in jüngerer Zeit zu einem bedeutenden Untersuchungsbereich in den Sozialwissenschaften geworden. Dabei ergeben sich auch interessante Schnittstellen zu den Naturwissenschaften. Aus dem Fall Madoff ergibt sich die Frage: Wie war es möglich, dass die Institutionen, die die Wahrhaftigkeit der Bücher und die Zuverlässigkeit der Finanzmarktakteure zu überprüfen hatten, auf den Betrug von Madoff nicht aufmerksam wurden? Ein Versagen von zentralen Institutionen der Vertrauensgenerierung! Denn auch wenn ein Investor nicht selbst die Wahrhaftigkeit der Finanzberichte überprüfen kann, so muss er doch darauf vertrauen, dass die Prüfer und die Börsenaufsicht dies tun. Dass dem nicht so war, lag auch an der verbreiteten ideologischen Vorstellung möglichst ungezügelter Märkte. Die Börsenaufsicht SEC war von Seiten des Staates nicht hinreichend mit Befugnissen und Personal ausgestattet. Lernen lässt sich aus der Finanzkrise insofern, dass ernsthafte staatliche Regulierung und Kontrolle des gesamten Finanzsektors zentral für die Funktionsfähigkeit der Märkte sind die Ausbeutung von Vertrauen führt zu seiner Zerstörung. Zum Teil hatten die fehlerhaften Informationen ihre Ursache auch in offensichtlichen Interessenkonflikten der Finanzmarktakteure. Ratingagenturen sind Institutionen mit großer Bedeutung für die Herstellung von Vertrauen auf den Finanzmärkten. Ohne zutreffende Bewertungen lassen sich die Risiken von Anlageprodukten für die Investoren nicht beurteilen. Ratingagenturen vergaben vor der Finanzkrise höchste Bewertungen für hypothekenbesicherte Anleihen, von denen sich kurze Zeit später herausstellte, dass sie aufgrund des Rückgangs der Immobilienpreise ausfallen würden. 17 09 JAHRESBERICHT ANNUAL REPORT Versagt haben dabei zentrale Institutonen zur Herstellung von Vertrauen auf Finanzmärkten: Ratingagenturen, die Finanzmarktaufsicht, Notenbanken, Analysten. Mit dem Platzen der Spekulationsblase wurde auch das Vertrauen in diese Institutionen beschädigt. Es wieder aufzubauen, wird lange Zeit dauern. Die Kosten des Vertrauensverlustes durch die Finanzmarktkrise tragen wir alle: in Form milliardenschwerer Subventionen zur Rettung des Finanzsystems und des Verlusts an Wirtschaftsleistung. Denn wenngleich die Ursache der Finanzmarktkrise nicht in einer Vertrauenskrise zu suchen ist, so hat sie doch eine solche bewirkt. Sie zu überwinden, bedarf institutioneller Reformen. Grundlage für die politische Durchsetzbarkeit solcher Reformen ist ebenfalls ein Vertrauensverlust: der Verlust des Vertrauens in möglichst ungezügelte Märkte. Wenigstens hier lässt sich der Finanzmarktkrise ein positiver Aspekt abgewinnen. Bei den Ratingagenturen bestand ein offensichtlicher Interessenkonflikt, da die Agenturen nicht nur für die Bewertung von den Emittenten der Anleihen bezahlt wurden, sondern sie auch als Berater an der Konstruktion der Produkte beteiligt waren. Gute Bewertungen sicherten das Geschäft der Ratingagenturen.
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